Sonntag, 9. September 2012

Rona Walter - "Kaltgeschminkt"

Kaltgeschminkt“ ist dein neuer Roman. Worum geht es da?

Es ist die fragmentarische Lebensgeschichte eines Bestatter der eher lebensverneinenden Art, der nicht nur mit seinem schweren Los, hier sein zu müssen, sondern gleich mit der ganzen modernen Gesellschaft hadert. Harris McLiod ist Schotte , hat so gar keinen Bock auf gar nichts in seinem Dasein, muss jedoch seine Lehre bei seinem schrulligen Lehrmeister beenden und sich zudem im Verlauf der Geschichte auch noch mit einem eigenwilligen Abkommen herumschlagen, die der Tod, bzw. seine drei Vertreter mit einem Bestatter in Hamburg zu treffen belieben. Natürlich ohne dessen ausdrückliche Zustimmung. Es ist eine Groteske auf die heutige Zeit, die sich dafür wunderbarst anbietet, und die Interpretation meines eigenen Geistes um die immerwährende Frage der Menschen, was denn eigentlich nach dem Tod geschieht. Aber ohne den philosophischen Part. Zusätzlich tritt eine bestimmte Figur in der schottischen Folklore auf, die Lihannan Sidhé, die Blutfee. Eine alte Sagengestalt, die man noch nicht wirklich kennenlernen konnte.

Leseprobe von Kaltgeschminkt ( von der Autorin vorgetragen )
 

 
( Quelle: Youtube - Account des Luzifer Verlages )

Broschiert: 238 Seiten
Verlag: Luzifer; Auflage: 1., 1. Auflage (5. April 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3943408043
ISBN-13: 978-3943408041
 
Printbuch: 14,50€
Ebook: 3,99€
 
 
Kundenmeinungen:
"Rona Walter legt mit KALTGESCHMINKT einen wortgewandten und kaltschnäuzigen Erstling vor!" ( 5 Sterne ) - Ekki
"Bizarr, schräg und düster ..." ( 5 Sterne ) - Dissieux Michael "Autor"
"Rabenschwarze Vorhölle" ( 5 Sterne ) - Heike Vullriede
 
 
 
Ich bin kein Fan von Mottos aber der einzige Satz, den ich mir immer wieder vorsagte während des Schreibens war „scheiss drauf, egal, scheiss drauf.“
 
Was genau verbirgt sich hinter dem Titel? Bezieht er sich auf den Leichenbestatter?
Ja, es geht um die Thanathopraxie, also das Präparieren von Leichen zur Aufbahrung oder dem Public Viewing, wie man in England sagt. Dafür werden die Toten ja dementsprechend zurecht gemacht, Hautflecken überschminkt, etwaige Wunden und Makel ausgeglichen. Auch werden Körperflüssigkeiten durch diverse chemische Substanzen ersetzt, die Augäpfel abgedeckelt, damit sie nicht einfallen, Lippen mit Klebemittel verschlossen und so weiter. Das alles wird in meinem Buch dargestellt und man kann einer Thanathopraxie ganz entspannt aus nächster Nähe beiwohnen. Da sie im Buch ein wesentlicher Bestandteil der Handlung ist, bot sich der Titel geradezu an. 
 
Wie kommt eine Frau dazu, eine so geniale Schauergeschichte zu schreiben?
Danke für die Blumen. Haha! Ich bin, seit ich vorgebe lesen zu können (was ich im Kindergarten tatsächlich tat!), ein Fan von Schauer- und Horrorgeschichten aller Art. Ich habe viel ausprobiert, alle Härtegrade und Gruselarten. Dabei bin ich auf ein oder zwei Bestatterromane gestoßen, die mich zwar begeisterten, die sich jedoch oftmals wenig mit Thanatopraxie, dafür umso mehr mit irren und übertrieben morbiden Bestattern befassten. Ich dachte mir, das geht bestimmt weniger Klischeehaft – schließlich sind Bestatter Menschen, die diesen Beruf erlernen. Obgleich, zugegebener Weise, auch gewisse Charakterzüge eine Rolle spielen, da bin ich sicher. Daher habe ich das Thema etwas mehr ausgereizt, und den Bestatter versuchsweise zum Handlanger des Handlangers des Todes befördert.
Ich finde es allerdings schade, dass man in jedweder Branche in Schubalden gesteckt wird. Eine Frau im Horrorgenre „kann“ nichts schreiben zum Beispiel, was nicht irgendwann in romantisches Geplänkel ausartet. Und der männliche Autor lässt mit Sicherheit eher früher als später seine halbnackte Amazone auftreten. Ich könnte hier massenhaft Beispiele nennen, die dieses Klischee NCIHT bedienen, würde der Platz dafür ausreichen. Und ich kann auch den männlichen Lesern versichern, ich bin keine literarische Romantikerin. So gar nicht.

Wie bist du auf die Idee und die Charaktere gekommen? Hast du dich von deinem eigenen Leben beeinflussen lassen?
Ein guter Freund von mir bot sich sozusagen durch sein optisches Selbst regelrecht dazu an, ihn für die Figur Harris McLiod zu „missbrauchen“. Er passte einfach wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Ansonsten entstehen meine Buchcharaktere sehr bildhaft vor mir, durch kleine Einflüsse von außen, Beobachtungen, usw. Ebenso keimen die Stories irgendwann auf und ich schreibe sie in meinem kleinen schwarzen Buch nieder. Natürlich spielt immer der Einfluss des bereits Gelesenen eine Rolle, aber ich habe versucht, meine eigene Story zu schreiben, wie ich sie sehe und nicht, wie der Spannungsbogen nun gerade sein sollte. Ansonsten bringe ich immer meine eigenen Gedanken, so irre sie auch manchmal sein mögen, zu Papier, versuche aber nicht allzu unrealistisch zu sein.

Was genau sind Todesherrscher?
Hier habe ich mich möglichst nahe an die ursprünglichen Glaubensrichtungen gehalten, wenn man das so sagen kann, habe dabei aber keine Religion wirklich beachtet. Zwar habe ich die „magische Drei“ beibehalten. Zum einen ist das „Die Trinität“, Gott mit seinen Anhängseln Sohn und hl. Geist. Sie ist dafür da, die Menschenseele zu wiegen und zu messen und ihr ein neues Dasein zu ermöglichen. Nicht zu verwechseln mit der Wiedergeburt. Todesherrin „Gaja“ ist die Dame mit den drei Pfaden wie man sie aus dem Keltischen kennt. Sie fragt die Seele, was sie in der Ewigkeit erwarten möchte. Doch es ist kein Himmel und man muss weise wählen. Und „Arcaeon“, der Gehörnte, der sich jedoch auf das Vergelten von Sünden versteht, wie kein zweiter. Ihn wird man wohl im seltensten Fall wählen und nur bestimmte Menschen tun dies aus freien Stücken. Warum das einige dennoch tun sollten? Lesen Sie´s nach.

Ich finde es lustig, dass deine Hauptfiguren englische / amerikanische Namen haben und die Geschichte aber in Hamburg spielt. Bedeutet dieser Gegensatz etwas für dich? Warum Hamburg? Wieso nicht New York?
Die Namensgebung ist durchgehend schottisch, im besten Falle britisch und niemals amerikanisch. Darauf muss ich doch einmal kurz bestehen. Die Geschichte spielt nur im Hauptteil in Deutschlands südschwedischster Stadt mit britischem Einfluss. Sie beginnt und endet in Schottland. Da ich selbst schottische Wurzeln habe fiel mir diese Entscheidung nicht sonderlich schwer. Und im Ernst – Hamburg ist beinahe so individuell wie man es von britischen Städten kennt. Amerika kann jeder (lacht). Zudem würde amerikanisches Flair so gar nicht zu der Atmosphäre in meinem Kopf und daher in meinen Geschichten passen.

Du stammst ursprünglich aus Schottland. Inspiriert dich die faszinierende Schönheit der Natur?
Sehr. Ich liebe sie und sie ist nicht nur etwas Besonders, sie ist ein Leitfaden, untrennbar verbunden mit der schottischen Seele. Sie ist magisch und modern, als wäre man in einer eigenen Welt wieder aufgetaucht, die das Beste aus viktorianischer Träumerei und der Moderne verbindet. Ein Schotte ist niemals wirklich ultramodern. Aber es ist immer verknüpft mit seinem Land.

Könntest du dir vorstellen, dass dein Buch eines Tages verfilmt wird?
Würdest du dir das insgeheim wünschen?
Nun, da ich seit einiger Zeit vorwiegend Drehbuchautorin bin – seit 2010 unterhalte ich meine kleine Firma „gloomy media scriptwritings“ - ist das natürlich nicht allzu abwegig und Interesse wurde bereits bekundet. Dennoch muss der Hauptprotagonist stimmen, die Charaktere im Allgemeinen. Das ist sehr wichtig. Eine britische / schottische Umsetzung ist unumgänglich in diesem Fall. Einige Favoriten habe ich bereits, was Hauptdarsteller und Regisseur angeht. Ich bin aber ebenso gespannt wie du. Fest steht, das Drehbuch wird mir den ungeheuerlichsten Spaß machen.
 
 
 
Trailer
 
 
Ist das Schreiben für dich eher ein Hobby oder eine Arbeit?
Derzeit noch eine Nebenbeschäftigung, wenngleich ich sie sehr ernst nehme! Denn ich habe und brauche nebenbei auch einen Brotjob in Teilzeit. Ein wenig Geld muss ja auch ins Haus kommen. Hauptsache ist derzeit jedoch mein Fernstudium in „English and Literature“ mit den Schwerpunkten „Romanticism und 19th Century Novel“ in England.

Würdest du gerne mit deinem Protagonisten tauschen und als Leichenbestatter arbeiten? ( Mir wäre das zu unheimlich XD )
Ich hatte es einmal erwogen, da war ich etwa 17 Jahre alt. Aber dann kam der Buchhändler dazwischen. Bei den Interviews mit den Bestattern in Hamburg klopfte allerdings die Lust darauf wieder an. Ja, spannend wäre es schon. Zumindest für eine Zeit.

Schreibst du auch Liebesgeschichten, Kinderbücher? Etwas in der Art?
Nein, und das würde auch niemand wollen. Ich habe vor sieben Jahren ein Gothicmärchen geschrieben, das kommenden Winter, bzw. spätestens im Frühjahr 2013 erscheinen wird. Obwohl ich damit nicht unbedingt in die von Hollywood vorgefertigte Kultkerbe von „Snowwhite and the Huntsman“, „Mirror Mirror“, Hensel & Gretel Witchhunters“, usw … schlage, gebe ich ihm dennoch die besten Wünsche mit auf den Weg.
Allerdings hätte ich schon Lust auf Gruseldokus für Kinder. Es gab da mal etwas Tolles über eine verwunschene Burg bei der „Sendung mit der Maus“…
 
Wird es von „Kaltgeschminkt“ eine Fortsetzung geben? Wenn ja, kannst du uns einen kleinen Einblick geben?
Keinesfalls. Es ist gar nicht möglich und das habe ich auch bewusst so gebastelt. Ich denke Harris ist eine gute, strake Romanfigur, aber er muss Platz machen für Frederick Van Sade, meinen devoten Valet (eine Art Befehlsherr über die Servants im englischen Adel der viktorianischen Zeit). Und der absonderliche Charakter Gareth im dritten Buch wäre da auch noch… Über den verrate ich allerdings noch nichts, er ist noch etwas unausgereift.
Kein Zweifel, Harris wird mit fehlen, vor alle, weil er so pflegeleicht war und meist ganz allein agierte. Doch bin ich nicht sicher, ob ich das Niveau mit derselben Figur in einer neuen Story halten könnte, und das möchte ich den Lesern nicht antun. Notlösung wäre noch das zweite Abenteuer eines Dahinsiechenden. Und das würde mich bereits beim Schreiben nerven.

Beschreibe dein Buch in zwei Sätzen. Was macht es besonders?
Nicht zu einfach. Ich habe einmal in einer Rezension gelesen, dass ich wohl eine Nische gefunden hätte mit meiner Geschichte, die handlungstechnisch und plottechnisch „anders“ ist, ich denke, das wird es wohl sein. Ich sehe mein Buch, nachdem es drei Jahre in der Schublade gelegen hat, ja heute etwas anders. Dass es sich jedoch nicht an Konventionen hält, auf die nervige political correctness einen feuchten Furz gibt, ist sicherlich eine Besonderheit.
Schon wieder hat eine Dame geschrieben, dass sie nach dem Lesen meiner Lektüre darüber nachdenken musste. Sie fand es gut, das man nicht alles "vorgekaut" bekommt. Der Leser hat Platz für eigene Gedanken und kann sich Fragen stellen: Wie hätte man selbst entschieden, wenn man sich bei Gaja das eigene Jenseits gestalten könnte?
Ich denke genau diese Dinge machen mein Buch besonders und deshalb hebt es sich von anderen ab.

Wie lange hast du an dem Roman geschrieben?
Circa fünf Wochen allein am Skelett der Story. Ich war damals in einer beruflichen Neuorientierung und hatte noch etwas Zeit bis zum Studienbeginn, hatte also viel Zeit um zu schreiben. Danach brauchte ich nochmals drei Monate für Recherchen und Logik, Aufbau der Story usw. Schreibfehler ausbessern war nicht dabei (grinst).

Gestaltete sich die Verlagssuche einfach?
Ganz und gar nicht! Wie gesagt lagen beide Stories über Jahre in meiner Schublade. Man lehnte mich beinahe sieben Jahre lang mal mehr mal weniger freundlich ab, wegen meines wohl „unverkäuflichen Stils“ und dem offensichtlichen Zynismus. Dann habe ich es auf „romansuche.de“ gestellt – und bewusst vergessen.
 
Ihr jetziger Verlag.
 
Wird es in Zukunft noch weitere Werke von dir auf dem Markt geben? Planst du bereits neue Projekte? Kannst du schon etwas verraten?
Demnächst erscheint mein morbides Märchen „Gläsern“ auf dem deutschen Buchmarkt, das dem Mörderbräutigam Blaubart gewidmet ist. Gerade arbeite ich an einer Short Story für einen düstern Bildband über Deutschlands Norden zusammen mit diversen anderen Autoren. Das wird die deutsche Antwort auf Mr Simon Marsdens wundervolle Bildbände über das „Haunted Britain“. Derzeit übersetzt ein Freund von mir „Kaltgeschminkt“ ins britische. Darauf freue ich mich sehr. Dem wird dann nächstes Jahr „Gläsern“ nach UK folgen, mit Übersetzung der britischen Jugendbuchautorin Osanna Vaughn.
Sonst mache ich derzeit wieder ein Music Video für eine Hamburger Gothic Band und einen weiteren Buchtrailer für meine Kollegin und liebe Freundin Kristina Lohfeldt („To Bad To Be God“).
 
Danke für das Interview.

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