Mittwoch, 14. Dezember 2011

Leseprobe von "The Mavericks"

Kapitel 1: Angriff in der Schule

Hi mein Name ist Any Parker. Im Grunde bin ich ein ganz normales Mädchen, naja zumindest dachte ich das noch bis vor einiger Zeit. Denn mein Leben änderte sich schlagartig! Alles begann an meinem 16. Geburtstag . . .

Meine Mutter weckte mich wie immer um 6.30 Uhr in der Früh. Verschlafen wie ich war, öffnete ich nur teilweise meine Augen, sie mussten sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Im Badezimmer rieb ich mir den Sand aus meinen Augen und widmete mich der morgendlichen Hygiene.         
Stolpernd bewegte ich mich in Richtung Frühstückstisch, wo schon sehnsüchtig auf mich gewartet wurde. „Happy Birthday“, hörte ich eine tiefe Stimme singen. Ich sah meine Eltern vor mir stehen mit einem großen Schokoladenkuchen in den Händen. Einen größeren hatte ich noch nie zuvor gesehen. Er war übersät mit Schokosplittern und Kirschen und ganz oben stand mein Name in Zuckerguss geschrieben. Nach zwei kräftigen, langen Umarmungen und vielen Glückwünschen, blies ich die Kerzen aus. Ich versuchte alle auf einmal zu erwischen, doch da es 16 waren, gelang mir das nicht ganz.
Nachdem ich alle Geschenke fertig ausgepackt hatte, wurde die Stimmung schlechter. Wir schwiegen einige Zeit, bis plötzlich die Stille durch meinen Vater unterbrochen wurde. Er stand auf und ging zu meiner Mutter hinüber, welche verbissen auf der dunklen Couch saß. Beide sahen sich ohne ein Wort an und begannen erst nach einigen Blickkontakten wieder mit mir zu sprechen. Mein Vater eröffnete das eher merkwürdige Gespräch mit folgenden Worten: „Any, ich weiß heute ist dein Geburtstag und das soll ein schöner Tag werden, aber ... deine Mutter und ich müssen dir etwas sagen, was dir die gute Laune sicher verderben wird.“                               
Verdutzt sah ich meinen Vater mit großen Augen an. Er holte Luft und wollte sicher weiter sprechen, als ich bemerkte wie meiner Mutter Tränen in die Augen schossen und sie sich langsam von uns abwandte. Fragend sah ich hinüber zu ihr und beobachtete wie sie das Zimmer weinend verließ. Mein Vater fuhr fort: „Kleines, wir lieben dich über alles, jedoch haben wir uns geschworen dir an deinem 16. Geburtstag alles zu erzählen!“                      
Meine Neugierde stieg. Was wollte mir mein Vater nur mitteilen? Ich ließ ihn weiter sprechen, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Er fuhr fort: „Es ist nicht einfach für uns dir das mitzuteilen, aber wir müssen es tun, denn früher oder später wirst du es sicher selbst herausfinden!“ Gespannt saß ich da und biss mir auf die Unterlippe, ich konnte es nicht erwarten das Geheimnis meiner Eltern zu erfahren. Als mein Vater inne hielt und das Gespräch sich zu verlieren drohte, riss ich meinen Mund weit auf und sagte laut, so dass es auch meine Mutter in der Küche noch hören konnte: „Was versuchst du mir denn seit zehn Minuten zu sagen? Ich will es jetzt endlich auch erfahren!“ Mit weit geöffnetem Mund stand mein Vater vor mir und sagte die erlösenden Worte: „Wir sind nicht deine leiblichen Eltern!“                       
Plötzlich wurde alles um mich herum schwarz, Fragen schossen mir durch den Kopf, Fragen auf die ich keine Antworten wusste. Meine Eltern versuchten vergebens mich anzusprechen, aber ich war mit meinen Gedanken abwesend. Ich fühlte mich plötzlich so, als ob mein ganzes Leben eine Lüge gewesen wäre.  Dann hörte ich die verzweifelten Stimmen meiner Eltern und spürte einen festen Druck an meinem linken Arm. Mein Vater rüttelte wie wild an mir, in der Hoffnung ich würde dadurch ansprechbar werden. Es gelang mir ein paar Worte heraus zu bekommen, doch sicher konnten meine Eltern keines davon verstehen. Nach einigen Minuten konnte ich mich aus meiner Stockstarre befreien, atmete tief durch und fragte: „Mama, Papa, sagt mal, wisst ihr wer meine leiblichen Eltern sind?“ Ich denke da das meine erste Frage war die ich ihnen stellte, kränkte ich beide sehr. Aber ich brauchte unbedingt eine Antwort, die meine Gedanken wieder ordnen würde. „Spätzchen, wir wissen leider nicht wer deine leiblichen Eltern sind, aber wenn du willst, helfen wir dir gerne dabei es herauszufinden. “ Warum nur klangen diese Worte so falsch? Papa wollte nicht nach ihnen suchen! Dann mischte sich meine Mutter ein. „Im Waisenhaus sagte man uns nur deinen Namen und sie erzählten uns auch, wie du da gelandet bist! Es ist eine wirklich traurige Geschichte, . . .!“, meinte meine Mutter mitfühlend.          
„Traurig? Warum das? Wollten mich meine Eltern nicht haben?“ Diesmal meldete sich mein Vater zu Wort, damit meine Mutter nicht auf meine Fragen antworten musste. „Schatz, ob dich deine Eltern nicht gewollt haben, wissen wir nicht. Niemand weiß etwas über deine Eltern, man fand dich in einer Kirche als du drei Monate alt warst. Du bist vor deiner Ankunft bei uns schon einmal bei einer anderen Adoptivfamilie gewesen. Diese Leute kamen allerdings bei einem Brandt in ihrem Haus ums Leben. Nur du hast überlebt! Der Feuerwehrmann von damals sagte es sei ein Wunder, dass du alles ohne einen einzigen Kratzer überstanden hast!“                      
Ich brauchte einige Minuten um das Ganze zu verdauen, doch dann ging ich auf meine Eltern zu und umarmte sie. Wir standen ein paar Minuten in unserem Wohnzimmer und genossen, dass wir uns nach wie vor Halt geben konten.
„Auch wenn ihr nicht meine leiblichen Eltern seid, so wart ihr bis jetzt mein ganzes Leben lang für mich da. Ihr habt mich gepflegt wenn ich krank war und mir eure Liebe geschenkt, also seid ihr auch in meinem Herzen meine einzig wahren Eltern. Mama? Papa? Ich hab euch lieb!" Ich spürte wie meine Eltern mich noch mehr an sich heran pressten. Es schien so, als ob sie mich nie wieder los lassen wollten. Erleichtert von meinen Worten, hörte meine Mutter auf zu weinen und mein Vater wurde etwas lockerer. Sicherlich freuten sie sich jetzt sehr darüber, es war wohl das Beste, was ich hätte sagen können. Bevor ich noch weitere Fragen stellen konnte, klingelte es an der Tür. Geschwind rutschte ich in Socken über unser Laminat im Korridor. Bevor ich die Tür öffnete, spähte ich durch das Guckloch, konnte aber niemanden sehen. Ich öffnete dennoch und schon kam mir meine einzige und beste Freundin Fanny entgegen gesprungen. „Happy Birthday Süße!“ , hörte ich sie immer wieder sagen. Sie drückte mir einen Blumenstrauß in die Hände und umarmte mich, wie es meine Eltern zuvor taten. Dankend nahm ich mein Geschenk an. Sie waren wunderschön, diese Art kannte ich nicht einmal. Sicher waren es exotische Blumen, die sie in irgendeinem Blumenladen der Stadt gekauft hatte, denn in dem Garten ihres Vaters wuchsen solche nicht. Meine Mutter übergab mir meinen Rucksack und nahm die Blumen an sich, um sie in eine Vase zu setzen. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, machten wir uns auf den Weg zur Schule. Es waren vielleicht zweihundert bis vierhundert Meter, mehr nicht. Aber Fanny liebte es mit mir zur Schule zu gehen und mir erzählen zu können, war sie am vergangenen Tag  so erlebt hatte.  
In der Schule angekommen, mussten wir uns wie üblich durch die schmalen Gänge zwängen, um rechtzeitig in unserem Klassenzimmer anzukommen. Fanny ging nicht in meine Klasse, was mich sehr ärgert, denn ich wurde schon seit zehn Jahren von meinen Klassenkameraden gemobbt und sie wäre sicherlich die Einzige, die mich unterstützen würde. An der großen Treppe trennen sich unsere Wege. Fanny hatte nun Biologie, ich hingegen musste mich gleich zur ersten Stunde mit Geschichte herumplagen. Überall am Rand des Ganges standen Liebespaare die sich genüsslich küssten und leidenschaftlich umarmten. Wo sollte man da nur hinschauen? Immer wenn ich versuchte meinen Blick nach vorn zu richten, standen schon wieder zwei Menschen Hand in Hand an der Wand und erlagen ihren Gefühlen für einander.
Endlich erreichte ich mein Klassenzimmer. Schon kurz nachdem ich den Raum betreten hatte, wurden mir dumme Bemerkungen an den Kopf geworfen. Beliebt war ich hier nicht gerade! Warum? Das wusste ich nicht! Ich setzte mich schnell und leise auf meinen Platz in der vordersten Reihe. Alex bemerkte mich -  welch ein Wunder -,  aber darüber konnte ich mich nicht gerade freuen. Er kam zu mir und machte sich mit seinen dummen Sprüchen wieder einmal über mich lustig! Einer seiner Freunde begann darüber zu lachen und so tat es der Rest der Klasse ihm gleich. Meiner Meinung nach hatten viele seinen Witz über mich nicht einmal verstanden, aber Gruppenzwang war hier an der Tagesordnung.                     
Mutig versuchte ich zu kontern, aber egal was ich sagte, sie machten sich dennoch alle über mich lustig. Wieder stand ich allein gegen alle und keiner  war da, der mich unterstützen könnte. Mein Selbstwertgefühl war nun auch am Boden und ich traute mich nicht, noch etwas gegen Alex zu sagen. Endlich betrat unsere Lehrerin den Raum und begann auch sogleich mit dem Unterricht. „Guten Morgen, entschuldigt bitte, dass ich fünf Minuten zu spät bin, aber ich musste noch das Klassenbuch aus meinem Fach holen. So jetzt schlagt bitte eure Geschichtsbücher auf der Seite dreiundzwanzig auf und arbeitet die wesentlichen Stichpunkte zu dem Thema ´Der zweite Weltkrieg´ heraus.“ Verlegen kramte ich in meinem Rucksack nach dem Buch und musste feststellen, dass ich es nicht bei mir hatte. Das konnte ja eigentlich nur eins bedeuten: Es musste sich noch in meinem Spind befinden. „Ähm… Entschuldigung, aber dürfte ich eventuell mal mein Buch aus dem Spind holen?“, fragte ich zaghaft.                               
Genervt antwortet meine Lehrerin: „Du hattest doch eben Pause, was hast du denn da gemacht? Na meinetwegen, geh! Aber beeile dich, ja? Und dass das nicht noch einmal vorkommt!“ Ich nickte nur, nahm meinen Schlüssel in die rechte Hand und ging in Richtung Tür. Nach ein paar Minuten erreichte ich meinen Spind, holte mein dickes Buch und machte mich so schnell es ging wieder auf den Weg zurück zum Klassenzimmer, wo mich die gemeine Meute erwartete. Plötzlich vernahm ich Schritte hinter mir. Wer konnte das sein? Vielleicht die Sekretärin oder ein Schüler der den Bus verpasst hatte? Langsam drehte ich mich um. Da stand tatsächlich jemand. Er sah aus wie ein Schüler, aber aus irgendeinem Grund machte er mir Angst.            
„Hallo? Wer bist du ?“, fragte ich. Er antwortete nicht. Was hatte ich auch erwartet, dass er sofort auf mich zu käme und seine gesamte Lebensgeschichte preis geben würde? Als ich mich der Tür zuwandte, fand er plötzlich doch seine Sprach wieder: „Hey, bleib sofort stehen!“      
Was wollte er? War er ein neuer Schüler, der nicht wusste wo er Unterricht hatte? Was es auch war, es schien so, als ob er es mir gleich verraten würde, denn er kam mit großen Schritten auf mich zu. „Bist du Any Parker?“ , fragte er mich.                               
„Was?“ Mehr bekam ich in dem Moment nicht heraus. Unheimlich woher kannte der meinen Namen?
„Das werte ich mal als ja. Deine Eltern hatten einen Unfall, komm bitte mit mir mit, ich bringe dich zu ihnen.“ Moment mal meine Eltern blieben heute sicher den ganzen Tag zu Hause und außerdem war ich doch bis vor ein paar Minuten noch bei ihnen! Er log! Aber warum?   
„Ja ok aber ich muss erst noch meiner Lehrerin bescheid geben.“, rief ich leise. 
„Das brauchst du nicht. Sie weiß es schon und bedauert es sehr.“ Er spielte die Rolle gut, nur was für ein Spiel war das hier?                  
„Ja also dann hole ich nur noch meine Sachen.“ Auf einmal packte er mich an meinem Arm und zog mich unsanft zu sich hinüber. „Wir gehen gleich!“, schrie er nervös.             
„Nein, lass mich sofort los!“                                                    
Ich konnte mich aus seinem festen Griff befreien und versuchte wegzulaufen, doch der Junge war schneller und stoppte meine Flucht. Er packte mich erneut und ich trat ihm aus Angst, unter die Gürtellinie. Er kniff die Augen zusammen, ließ mich los und sank zu Boden. Die Gelegenheit nutzte ich und rannte zu dem Klassenzimmer, in dem Fanny gerade Unterricht hatte. Was war hier nur los? Wer war der Typ? Und vor allem: Was wollte er von mir? Mehrmals drehte ich mich um, konnte aber glücklicherweise niemanden hinter mir erkennen.                         
Ich klopfte an die Tür und vernahm ein lautes „Herein!“. Erleichtert berat ich den Raum. Doch was war das? Alle Schüler einschließlich Fanny lagen auf dem kalten Boden des Zimmers. Was war passiert? Was war mit ihnen? Konnte es sein, dass sie... ?             
„Keine Sorge! Sie sind nicht Tod, zumindest noch nicht!“ , hörte ich eine piepsige Stimme sagen. Voller Entsetzen drehte ich mich um. Da stand ein Mädchen, sie war sicher nicht viel älter als ich. Sie hatte kurzes rotes Haar und leuchtende blaue Augen. Ihre Kleidung war wirklich sehr gewöhnungsbedürftig! Schwarzes und braunes Leder schmückte ihren Körper. Alles war daraus gemacht - ihr kurzer Minirock, ihr Top und ihre Schuhe. Die Kleidungsstücke waren eher spärlich gehalten. Am Handgelenk hatte sie ein sehr auffallendes Tattoo. Dieses zeigte – um genau zu sein – ein verkehrt herum gedrehtes Kreuz mit einem Kreis in der Mitte, welcher einen fünfeckigen Stern enthielt.                                               
„Wer bist du und was willst du?“ , brachte ich mutig heraus.                     
„Tja Kleine, das braucht dich momentan nicht zu interessieren. Ich bin hier, um dich abzuholen.“ „Bitte was? Mich abholen?“                                              
Bevor sie antworten konnte, kam der Junge von vorhin durch die Tür gesprintet. Ich musterte ihn nun genauer als zuvor. Im Grunde war er wirklich süß, aber auch Angst einflößend! Er hatte dunkle Haare und sehr auffällig leuchtende blaue Augen. Seine Kleidung unterschied sich von der des Mädchens. Kleine Lederbändchen schmückten seine Haare und sein Handgelenk. Eine hautenge ausgewaschene Jeans und ein leuchtendes blaues T-Shirt waren unter einer langen dunkelbraunen Lederjacke versteckt. Huch, da war ja dasselbe Tattoo! Beim genaueren Hinsehen fiel mir plötzlich etwas Glitzerndes in seiner Jackentasche auf. Eine Pistole! Nun wurde ich richtig nervös. Mir lief der Schweiß eiskalt den Rücken runter und ich begann am ganzen Körper zu zittern! Nicht ein Wort bekam ich über meine Lippen. Aber ich brauchte auch nichts zu sagen, denn der Junge kam nun auf mich zu. „Du dummes Ding! Das hast du alles selbst zu verschulden!“ 
Was meinte er? Urplötzlich schlug er mich! Er traf mich hart am Kopf und sofort floss Blut über mein Gesicht. Ich verdrehte die Augen und wurde etwas mutiger! „Sag mal tickst du noch ganz richtig? Was soll das? Du hast nicht das Recht, mich zu schlagen!“                  
Er ignorierte meine Worte und zuckte seine Pistole, richtete sie auf mich und schoss mir in die Schulter. Ein stechender Schmerz ließ mich das Brennen meiner Kopfwunde vergessen. Ich biss mir auf die Unterlippe und schrie auf. Dann sank ich zu Boden und hoffte nur noch, dass alles ein gutes Ende nehmen würde.                                               
„Was wollt ihr denn von mir?“, keuchte ich.                            
„Gut das du fragst, wo ist es? Wo ist dein Amulett?“ Ich schaute das Mädchen ahnungslos an. Wovon sprach sie nur? Ich hatte keine Ahnung! Zitternd lehnte ich mich gegen die raue Wand und mir wurde kalt, obwohl draußen bereits der Sommer anklopfte. Der Junge richtete erneut seine Pistole auf mich und ich begann zu schlottern. Mein Herz raste und ich wusste mir noch immer nicht zu helfen. „Vincent, du darfst sie erst töten, wenn sie uns verraten hat wo es ist!“, rief das Mädchen. Er schaute mich vorwurfsvoll an und sein Blick ließ mich erneut zusammenschrecken.
„Ich habe wirklich keine Ahnung was ihr meint! Ehrlich! Bitte, lasst mich gehen!“ Mein Blut tropfte auf den Boden des Zimmers und obwohl ich Angst hatte, konnte ich meine Tränen unterdrücken. Wenn ich jetzt Schwäche zeigte, würde das Ganze sicher nicht besser enden.
„Komm schon, jetzt verschwende nicht so viel von unserer Zeit und sag es uns endlich!“ Das Mädchen wollte anscheinend so schnell wie möglich von hier weg, aber ich konnte ihr doch nicht helfen. Vincent schlug mich erneut, er zeigte kein Erbarmen mir gegenüber. Warum ich? Diese Frage stellte ich mir die ganze Zeit.
Traurig schweifte mein Blick von den beiden ab und musterte das Zimmer und die Menschen, die bewusstlos auf dem Boden lagen. Was hatten sie ihnen nur angetan? Würden sie jemals wieder aufwachen? Sie lagen leblos auf dem Boden der Schule. Ihre Gesichter waren bleich, wie die von Toten und ihre Augen geöffnet, als ob sie uns beobachten würden. Kraftlos legte ich meine Hand auf die Wunde und versuchte meinen Blutverlust ein wenig einzudämmen. Es schien alles verloren und ich betete in Gedanken zu Gott. Dann hörte ich Schritte im Flur und Erleichterung machte sich in mir breit. Die zwei schienen sie auch bemerkt zu haben und wurden scheinbar nervös. Dann riss ein Junge die Tür auf und schrie: „Wir müssen weg von hier! Los, Leute, kommt schon.“
Der Junge schien ganz verschwitzt zu sein, er gehörte vermutlich zu den beiden. Er war ein ganz anderer Typ als die Zwei. Seine Hautfarbe war ein wenig dunkler, seine Augen leuchteten in einem bezaubernden braun und seine Haare  waren Schwarz wie die Nacht.            
„Was ist los Rick?“ , fragte Vincent mit kräftiger Stimme.                   
„Ein Jäger! Er wird uns Probleme machen, wenn er die Anderen ruft! Ist das die Kleine? Na dann los, nehmen wir sie mit!“                                                      
Was mich mitnehmen, wohin? Nein! Also alles ließ ich mir auch nicht gefallen! „Lass mich los! Ich werde nicht mit euch kommen!“                                                  
Vincent schaute mich an und zog mich zu sich, ich hatte kaum Kraft und konnte mich nicht wehren. Dann blickte er mir tief in meine braunen, mit Tränen gefüllten Augen. Nebenbei legte er seinen Arm um meine Hüfte und versuchte mich mit sich zu zerren. Auf einmal fielen Schüsse, das Mädchen knallte gegen die Wand und sank dann zu Boden. Sie schrie auf vor Schmerz. Ich konnte es ihr nachempfinden. Überall war Blut, es war ein grauenvolles Bild, wie man es nur aus Hollywoodfilmen kannte. Vincent ließ mich los und krallte sich Rick. „Wir müssen Kathy hier rausbringen, klar?“ Ohne weitere Fragen zu stellen sprangen die drei aus dem Fenster im ersten Stock und verschwanden im großen Nichts. Mich ließen sie allein zurück.
Ein Mann stand im Türrahmen, er schien erleichtert zu sein und kam mit einem breiten Grinsen auf mich zu. „Any? Bist du soweit ok?“                                                  
Wieder kannte jemand meinen Namen, den ich nie zuvor gesehen hatte. „Ja ich lebe noch“ , sagte ich sarkastisch.                                                                         
„Ich bin Sit.“, stellte sich der Fremde nun vor.  Er war genauso seltsam wie die drei zuvor, nur das seine Waffen größer und moderner schienen.                                 
„Nett, dich kennen zu lernen. Mich kennst du ja schon. Sag mal, was machst du hier und vor wem hast du mich gerettet?“                                                        
Er kam zu mir und drückte auf meine Wunde, um die Blutung zu stillen. „Der eine mit den blauen Augen und den dunklen Haaren war Vincent-Selth French. Er ist ein Dämon. Das Mädchen war Kathy Wyans, ein Vampir und der andere Junge war Rick Gates, ein Todesengel.“               
Aha! Na fantastisch! Das klang ja nun, als wäre ich in einer Horrorgeschichte gelandet. „Sag mal ist das irgend so ein dummer Witz? Egal, was haben die mit den Schülern aus der Klasse angestellt? Als ich den Raum betrat, lagen sie alle regungslos auf dem Boden.“           
Er verband meinen Arm und half mir, mich aufzurichten.                       
„Sie haben sie eingeschläfert.“, sagte er scheinbar teilnahmslos. Ich schaute ihn an, als ob ich kein Wort verstanden hätte und er wiederholte es noch einmal. „Ja ich versteh schon, aber wie haben die das denn gemacht?“ Er antwortete gelassen: „Mit ihren Kräften, diese Wesen nennen es die Dunkle Gabe.“                                                         
Ich verstand die Welt nicht mehr. Das war doch alles nur ein dummer, außer Kontrolle geratener Scherz. Oder lag ich etwa noch im Bett und träumte das alles? Jedenfalls fühlte sich der Schmerz in meiner Schulter echt an.                                                         
Wir gingen langsam den Flur entlang in Richtung Parkplatz. Nachdem er mir versicherte, dass es allen Mitschülern gut ging und sie etwa in ein paar Minuten wieder zu sich kommen würden, ohne sich an was zu erinnern, verarztete er mich. Er erklärte nicht viel, schilderte eigentlich nur das, was ich erlebt hatte. Dann ging er mit mir in die Schule und trichterte mir ein, dass ich den Unterricht wie gehabt mit verfolgen sollte. Niemand würde merken, was eben passiert war. Auch durfte ich keinem etwas erzählen. Er versicherte mir, dass so etwas nie wieder passieren würde, denn nun sei er da um auf mich aufzupassen. Meine tausend Fragen – Warum? Wieso? Weshalb?... – wies er zurück und versprach nur, sie ein anderes Mal zu beantworten . Ich sollte den restlichen Tag genauso durchlaufen, wie sonst auch. Acht Stunden in der Schule sitzen und mich mit Menschen herumschlagen die mich sowieso nicht mochten. Ich sollte schlicht und ergreifend meinen Mund halten. Als ob ich jemanden davon erzählen würde! Man würde mich sicher für geistesgestört halten und dann hätte ich sicher noch weniger Freunde als sowieso schon.
Genau wie Sit gesagt hatte, wachten tatsächlich alle Schüler nach einigen Minuten auf – scheinbar hatte diese Dunkle Gabe vor keinem Klassenzimmer Halt gemacht. Meine Mitschüler hoben ihre Köpfe von den Tischen, streckten sich und gähnten, als ob sie eine schwere Nacht hinter sich gehabt hätten. Die Lehrerin schien ein wenig verwirrt zu sein. Mürrisch starrte sie auf ihre Armbanduhr und blickte dann nach vorn zur Klasse.       
„Huch Any, du bist ja schon wieder da! Was ist denn mit dir passiert?“ Erschrocken drehte ich mich zu ihr um und verdeckte meine Wunde am Kopf. Dummerweise nutze ich dazu den falschen Arm und schrie vor Schmerz erneut auf. „Ich… ich bin auf der Treppe gestolpert. Ist halb so wild.“, sagte ich mit einem verschmitzten Grinsen.                              
Doch weder sie noch ich kauften mir diese Lüge ab. Ich hätte mir ja selbst nicht geglaubt. Nach einem weiteren Blick auf ihre Uhr fragte sie: „Sagt mal, wie Spät ist es denn bei euch?“ Alle begannen zu lachen und holten ihre Handys aus den Hosentaschen. Doch egal wen sie auch fragte, jeder sagte ihr dasselbe. Verwirrt brach sie den Unterricht ab und lief zum Schulleiter. Doch alle hatten dasselbe Problem: Sie waren eingeschlafen und hatten ungewollt wichtige Minuten ihres Lebens versäumt. Man wollte die Polizei rufen, um diesen merkwürdigen Zwischenfall aufzuklären. Doch da kam Situ und tischte ihnen eine so geniale Lüge auf, dass alles vergessen schien. Was genau er gesagt hatte, erfuhr ich nicht. Der Schulleiter war auf jeden Fall extrem wütend auf den Dämonenjäger und schmiss ihn kurzer Hand aus der Schule.             
Er schien viele Geheimnisse zu haben, die nur darauf warteten von mir entdeckt zu werden. Mit Sicherheit aber – und dafür reichte schon ein flüchtiger Blick in sein Gesicht – steckte hinter seiner glücklich wirkenden Fassade viel Trauer.
Am Ende des Tages eilte ich nach Hause um mein T-Shirt zu wechseln und es sofort im Mülleimer zu begraben. Meine Eltern durften ja auch nicht wissen, dass ich eben von einem Dämon angeschossen worden war. Ich konnte es ja selbst kaum glauben.                                   
Aus dem entspannten Wochenende wurde leider nichts. Stattdessen traf ich mich mit Sit, der mir nun endlich reinen Wein einschenken wollte. Gespannt stand ich neben ihm und bestaunte ihn wie ein Geschenk, das ich am liebsten gekauft hätte. Er war durchtrainiert, sah wirklich zum Anbeißen aus. Er hatte hellbraunes Haar und graublaue Augen. Seine Nase war ein wenig spitz, was seinem Gesicht aber durchaus zu Gute kam. Auch wirkte er durch sein Auto und seinem Job gleich noch mal so interessant auf mich. Sein Stil war allerdings kopiert, zumindest vermute ich das. Er trug schwarze, kaputte Jeans, darum einen Gürtel mit kleinen Klingen. Oberhalb verzierte eine Kette mit einem Zahn seinen Body und verschönerte den Gesamteindruck. Wenn ich sein Alter schätzen müsste, würde ich sagen, er ist so um die 28 Jahre, vielleicht auch jünger. Das Gespräch dauerte viele Stunden, dennoch verlor er nicht ein einziges Wort über meine Rolle in dieser Geschichte. Oft fragte ich ihn, ob er mehr über mich wüsste, doch diesen Fragen wich er prinzipiell aus. Aber auch so war mir nach den ersten Minuten klar, dass sich mein Leben ab diesem Tag völlig ändern würde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen